Wer war Rudolf Steiner?
Ohne Rudolf Steiner gäbe es keinen biodynamischen Weinbau. Der Begründer der Waldorfschule hat vor gut hundert Jahren die Grundlagen gelegt, nach denen heute einige der berühmtesten Weingüter der Welt arbeiten. Und Jahr für Jahr kommen neue hinzu.
Kein Bauer, aber gefragt
Rudolf Steiner (1861 bis 1925) war Philosoph, kein Landwirt und schon gar kein Winzer. Bekannt wurde er als Begründer der Anthroposophie, einer Lehre, die bis heute umstritten ist. 1919 gründete er mit dem Unternehmer Emil Molt in Stuttgart die erste Waldorfschule. Landwirte aus seinem Umfeld klagten damals über ausgelaugte Böden und schwächere Ernten und baten ihn um Rat.
1924: Acht Vorträge in Koberwitz
Im Juni 1924 hielt Steiner auf Gut Koberwitz bei Breslau, dem heutigen Kobierzyce in Polen, acht Vorträge: den „Landwirtschaftlichen Kurs“. Darin beschreibt er den Hof als lebendigen Organismus. Boden, Pflanzen, Tiere und Mensch sollen einen Kreislauf bilden, der sich möglichst selbst versorgt. Über Wein sprach Steiner dabei nicht. Ein knappes Jahr später starb er, seine Schüler entwickelten die Ideen weiter.
Was biodynamisch bedeutet
- Die Grundlage ist bio: kein Kunstdünger, keine synthetischen Spritzmittel.
- Hornmist: Kuhmist kommt in ein Kuhhorn und überwintert im Boden. Im Frühjahr wird er stark verdünnt auf den Boden gesprüht, für ein reges Bodenleben.
- Hornkiesel: fein gemahlener Quarz, der den Sommer über im Horn vergraben liegt. Er wird auf die Blätter gesprüht und soll das Licht besser nutzbar machen.
- Kompost mit Kräutern: Schafgarbe, Kamille, Brennnessel, Eichenrinde, Löwenzahn und Baldrian.
- Rhythmus: Viele Winzer richten ihre Arbeit nach einem Kalender, der die Tage nach Mond und Sternbildern einteilt, in Frucht-, Wurzel-, Blüten- und Blatttage.
- Demeter: Das bekannteste Siegel für biodynamische Erzeugnisse. Für Wein gibt es daneben Verbände wie Biodyvin in Frankreich und Respekt-BIODYN in Österreich.
Von der Wachau bis Pauillac
- Nikolaihof, Wachau: arbeitet seit 1971 biodynamisch und gehört damit zu den ersten Weingütern der Welt. Demeter-zertifiziert ist er seit 1998.
- Nicolas Joly, Loire: stellte auf seinem Weingut Coulée de Serrant Anfang der 1980er-Jahre um und wurde zum bekanntesten Fürsprecher der Biodynamie.
- Domaine Leroy, Burgund: Lalou Bize-Leroy stellte 1988 um. Ihre Weine gehören heute zu den gesuchtesten Burgunds.
- Château Pontet-Canet, Pauillac: Ab 2004 stellte das klassifizierte Gewächs nach ersten Versuchen mit Merlot Schritt für Schritt um, 2010 kamen die Zertifikate. Statt Traktoren ziehen in Teilen der Weinberge Pferde den Pflug. Pontet-Canet wurde damit zum Vorbild im ganzen Bordelais.
- Deutschland: Auch hier arbeiten Spitzenbetriebe biodynamisch, etwa Wittmann in Rheinhessen und Peter Jakob Kühn im Rheingau.
Zwischen Überzeugung und Skepsis
Gut belegt ist, dass biodynamisch bewirtschaftete Böden ähnlich wie ökologische lebendiger sind, mit mehr Bodenleben und Regenwürmern. Für eine besondere Wirkung der Präparate oder des Mondkalenders gibt es dagegen keinen belastbaren Nachweis, Kritiker sprechen von Pseudowissenschaft. Viele Winzer halten trotzdem daran fest. Ihr Argument: Wer so arbeitet, steht öfter im Weinberg und beobachtet jede Rebe genauer.
Im Glas: Probier einen Grünen Veltliner vom Nikolaihof, einen Savennières von Nicolas Joly oder, für einen besonderen Abend, einen Pontet-Canet aus Pauillac.
Bildnachweis: [Rudolf Steiner, 1905], gemeinfrei, Wikimedia Commons
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